StartseiteNewsMobilForumRidersVideosTestsPresseArchivLinksWieso

Allgemein:

Startseite

Kontakt

Impressum


LA RÉUNION– DAS RENNEN, DIE CIRQUES UND DAS MEER

Text:
» Axel Kreuter Fotos: Axel Kreuter und » Sylvia Leimgruber

Das Paradies


Die Reise geht nach La Réunion, Französisches Übersee Department, 21° südlicher Breite, 55° östliche Länge im Indischen Ozean, 200 Km Küstenumfang, 730.000 Einwohner, Afrikaner, Inder, Europäer, Chinesen. Alle Weltreligionen. Scharfes Essen.

Die anfängliche Idee für La Réunion: Zauberwort Megavalanche, Massenstart- Madness- Downhillmarathon. Aber Ende November locken noch andere Gründe: Vulkaninsel in Indischen Ozean mit Gipfeln knapp über 3000m ein aktiver Vulkan, dazu hunderte km markiertes und präpariertes Wanderwegenetz, tropisches Klima und Vegetation ohne Malaria und giftigen Schlangen, außerdem Sonne, Strand und Meer. Alles auf einer einzigen Insel mit etwa 50 km Durchmesser. Das überzeugt.

Bei der Ankunft lernt man aber auch schnell die anderen Seiten des Paradieses kennen. Wo französisch gesprochen wird, werden andere Sprachen mit Leidenschaft boykottiert. Speak French or die. Desweiteren braucht man mit Rad am Besten ein eigenes Mietauto, Busse wären ohne Rad sonst perfekt, Taxis oder Shuttles sind horrend teuer. Zwischen den Orten an der Küste sind zwar nur kurze Distanzen zurückzulegen, aber meist nur Autobahn-ähnliche Strassen mit Höllenverkehr. Peugeot, Renault, Citroen, in allen Größen und Ausführungen, der Verkehr ist der Horror, es ist kaum zu fassen.

Erste Erfahrungen

Nach 2 Tagen Insel-Orientierung und Akklimatisierung, mit Strandbesuch und obligatorischen Sundowner-Bier, gabs zum Einrollen und Materialcheck eine nette Rundtour am Cap Noir mit typischer Vegetation und Gestein, Tiefblicke in die Schluchten, perfekt, um sich ein erstes Bild von der Insel und den Trails zu machen. Die Anfahrt auf der Strasse an der Küste nimmt einem das Unangenehme zuerst, eine Weile im Stau stehen, dann in ewigen, engen Kehren hinauf in die Berge, zum Ausgangspunkt. Ein paar hundert Meter treten, dann tragen.

Kurze Querungen, stark ausgesetzt, mit leichter Steigung, zwischendurch wieder tragen. Kurze Leitern und Seilversicherungen, immer wieder unterbrochen von lässigen Bergabsequenzen auf staubigem, verblockten Lavagestein, ab und an mit Schlüsselstellencharakter. Mit steigendem Sonnenstand bilden sich schnell Wolken in der feucht warmen Luft, sodass man früher oder später im Nebel fährt, was fein abkühlt und Sonnenbrand verhindert. Warm genug, um den Helm einzuschwitzen bleibt es allemal. Im Gepäck war nur Platz für einen Helm, mit dem Klima kombiniert ergibt das den eigenwilligen Style mit Fullface, Hawaii-Badehose und barbeinig ohne Schützer.

Ganz oben dann, beim ersten „richtigen“ Einstieg in den Downhill merkt man sofort, wie der Hase hier läuft. Wenn der Wanderführer sagt, „Wege gut präpariert“, bedeutet das auf Réunion viele künstliche Stufen mit anständigem Einhakelpotential am Vorderrad, garniert mit verblocktem, scharfkantigem Lavagestein, in das man lieber nicht stürzen will. Flow im klassischen Sinne, also im Sinne von episch bergab fließen, mit Fahrtwind im Gesicht, einem schönen Lied im Kopf und einen smoothen Trail voraus, das kann man sich hier nur wünschen. Jedoch ist das Terrain perfekt für technische Spielereien, mit anderen Worten, es ist eine Vertridemässige, knüppelharte Trialerei vor dem Herrn.

Jeder Höhenmeter Weg auf oder Pfad auf Réunion ist der steilen und felsigen Topographie abgetrotzt, und bis auf den letzten Meter gut genutzt. Der generelle Eindruck, den man hier auf der 2-3 h Runde bekommt, wird sich später öfter bestätigen. Der Highspeed Two-Wheel Drift ist hier wahrlich schwer zu erlernen. Nebenbei: Die Reunionaiser sind leidenschaftliche Wheelie-Fahrer, in den Dörfern sieht man die coolsten Wheelies auf allen möglichen Bikes - die Burschen haben es drauf.

Zum ewigen Thema Wanderer vs. Biker ist auf der Insel nur positives zu berichten. Die französischen Wanderer sind dem Biken gegenüber sehr positiv eingestellt, und Mountainbiker in ihren Augen eher unbescholtene Mitbürger.

Im ersten Augenblick der Begegnung oft verwundert, wünschen sie dann gleich und gern „bon courage“, die Tätigkeit auf zwei Stollenrädern korrekt als speziellen Sport (oder Eigenheit) verstanden und letztendlich so gewürdigt. Ein Fullface-Helm wirkt dort scheinbar weniger verschreckend, eher als Zeichen der Professionalität und Sicherheit gewertet. Was Wunder, ist zB BMX-Biken in Frankreich früh als Schulsport wählbar.

Im Hintergrund der Start des Megavalanche

Der Maϊdo und die Megavalanche

Der Maϊdo auf 2200 m ist der Startpunkt der Megavalanche. Von dort genießt man den Blick über die Wolken und den Indischen Ozean aber vor allem in den Cirque de Mafate. Die sogenannten Cirques, es gibt ganze drei auf der Insel, sind so etwas wie vulkanische kraterähnliche Talkessel. Besonders der Cirque de Mafate ist so zerfurcht, zerklüftet und zerschluchtet, dass keine Strasse hineinführt und nur ein paar hundert Menschen dort relativ autonom leben. Es das eigentliche Herz von Reunion, das unter anderem den Wandermythos der Insel begründet.

Auf jeden Fall geht es vom Maϊdo fast über 30 Kilometer nach St. Paul ans Meer. Die Strecke ist eine knüppelharte Mischung aus Crosscountry, 4X und Downhill. Nach dem Start führt sie erst undefiniert über gestrüppüberwachsenes Lavagestein mit Uphillpassagen, dann etwas technischerem Singletrack mit staubigen Spurrillen, Stufen und Querungen.

Einer von vielen Gegenanstiegen

Fährt man alleine, staubt es noch nicht so, aber nach 200 Fahrern legt es Staub auf, das man den Trail am Vorderreifen nicht mehr sieht und eigentlich den Atem anhalten will.

Zwischendurch ein Stück grober Schotterweg, immer wieder Tretpassagen, schließlich steigt man ein in einen langen, in den Wald geschlagenen, Bikepark-ähnlichen Trail mit kleinen Stepdowns und Anliegern. Fährt man im hinteren Mittelfeld, bietet sich dort genügend Gelegenheit den Fluchwortschatz zu erweitern: im vollen Staubwirbel ist die Zunge bald trocken mit Sand bedeckt, kein Platz zum überholen und die französischen Downhiller müssen tatsächlich bei jeder technischen Stelle absteigen und schieben.

Schliesslich taucht man irgendwann in den Nebel ein, und der Wald wird mystisch mit Farnen und Moosen. Im mittleren Abschnitt geht es dann vermehrt auf breiten Wegen über Kuhweiden und Forstwege, mit kurzen Tretstücken auf Asphalt, Arme und Beine lockern etwas auf.

Die Schlussetappe ist ein ewig verblockter, ruppiger, relativ flacher Trail in trockener Savannenlandschaft. Man bekommt also nach etwas über einer Stunde Downhill noch den Presslufthammer in die Hand während einer einem einen Wüstenkeks nach dem anderen in den Mund schiebt. Lässig. Trotzdem, wenn man über die Ziellinie fährt wundert man sich fast, dass es doch schon vorbei ist.

Zur Ehre der Tiroler muss man jetzt einwenden: Die » Bikerides-Trophy setzt noch einen drauf. Da müsste man jetzt die Liftkarte lösen, könnte in der Gondel einen Riegel reinschieben, noch mal abfahren, danach noch 1 Stunde tragen, wieder eine lange, technische Abfahrt, danach die nächste Gondel hoch, noch eine Stunde auf einen Gipfel tragen, dann wieder eine lange Abfahrt, und irgendwann nach den sieben Bergen am Ende die Brennerstrasse im Gegenwind raustreten....

Hier wird nicht gescherzt

Minuten vor dem Start, Hubschrauber kreisen, die Atmosphäre lädt sich auf. Die Spannung packt jeden, egal ob Profi oder Hobbyfahrer. Der französische Favorit Nicolas Voilloz neben Nr. 103.

Trotzdem zählt die Mega zurecht zu einem Rennen der härteren Sorte auf dem Planeten Mountainbike, aber das mit ganz großem Format und hervorragender Vermarktung.

Schade nur, dass mit 95% Anteil Franzosen das Rennen international so unterbesetzt ist. Das liegt aber auch an der weiteren Anreise, den hohen Reisekosten und dem doch nicht unerheblichen Zeitaufwand für Vorbereitung und Training.

Zwei bis drei Wochen Urlaub für Anreise, Akklimatisation, Training, Rennen und dem Erholungsurlaub danach sollten budgetiert werden, will man das Rennen einigermassen erfolgreich absolvieren und auch noch Zeit für diese schöne Insel haben.

Megavalanche Qualifikation

Startwahnsinn je 100 Fahrer. Auf dem Rasenstück war es noch am wenigsten staubig.

Megavalanche Rennwochenende aus persönlicher Sicht

Dabei sein war erstmal alles, was getan werden konnte. Bei der Qualifikation, die dazu dient, das gesamte Fahrerfeld auf 2 Rennen je 200 Fahrer zu verteilen, lief es eher schlecht. Nach dem Start aus letzter Startreihe war anfangs die Line nicht optimal gewählt, bei der Aufholjagd konnten zwar noch Plätze gutgemacht werden, aber die echte Mega war knapp verpasst. Für solche Fälle gibt es aber das Trostrennen, die Promo. Doch auch hier ging es nicht viel besser.

Vorher

Lächeln und Sonnenbrille können die Anspannung etwas verstecken

Der Tag des Rennens beginnt früh. Um 6:00 besteigt man den Shuttle-Bus, wo im Gegensatz zum Vortag fast nichts gesprochen wird. Jeder nimmt noch die letzte Mütze Schlaf, versucht etwas zu entspannen. Oben, nach dem Abladen der Bikes ist man in der Realität noch nicht ganz angekommen, eine Mischung aus Verschlafenheit und nervöser Aufregung, man wärmt sich halt etwas auf.
Ich nehme benommen mein Rad, um eine Kante vom Straßenrand, den ersten Sprung, zu testen. Dann geht alles schnell. Die Kette springt ab, genau an der Kante rutscht der Fuß vom Pedal und Kopf voraus ins Lavagestein.

Die Realität ist da. Cut an der Stirn, Riesenbeule und Schulter offen. Erschrockene Zuschauer eilen herbei. Helm, Handschuhe und Rucksack haben keinen Kratzer, sie liegen noch beim Bus. So schnell und sinnlos kann es gehen ... Ich komme nochmal mit Schrecken und Kopfverband davon, und bin bald wieder fahrbereit.

Nachher

Glück, Erleichterung, und genug Staub geschluckt.

Nach dem Start dann der erste Sturz in der vorderen Startreihe mit nachfolgendem Stau, und schon wieder, es ist schnell passiert, verwurstet man sich im Feld wie am einzigen Notausgang bei Großbrand mit Panik. Damit befindet man sich gleich mal im hinteren Mittelfeld. Dann endlich einigermaßen im Rennen, machen sich doch noch die Folgen des Sturzes mit höllischen Kopfschmerzen bemerkbar. Also runter vom Gas, war es doch was ernsteres?

Im besinnlicheren Tempo scheinen die Schmerzen zum Glück nachzulassen. Insgesamt also schlechte Vorraussetzungen für einen Erfolg, aber letztlich alles gut gegangen und gegen das Krankenhaus gewonnen. Im Rennen wären am Ende noch Reserven gewesen, es reichte aber letztlich nur für eine mehr schlechte als rechte Platzierung.

Sylvia war bei den Damen eine von ganzen fünf, die es wagten. Die aber wussten genau, was sie erwartet, bis auf eine Lokalmatadorin hatten alle Mitstreiterinnen schon Alp d`Huez Erfahrung. Gegen diese Konkurrenz hatte Sylvia zwar (noch) das Nachsehen, schlug sich aber höchst tapfer, und versemmelte immerhin einige ausgewachsene Männer.

Wildhaber, Voilloz

Auch diesmal keine Überraschung auf dem Siegertreppchen.

Auf jeden Fall bleibt die Strecke vom Le Maϊdo das Sahnestück des französischen Downhilltourismus auf Réunion. Es gibt auch hier einige Anbieter von Touren mit Guides, Shuttelservice und Fullsuspension-Verleih. Die ganze Bergflanke hat einige ausgewiesene Downhilltrails. Viele Höhenmeter und Kilometer, aber bis auf den obereren Teil der Megavalanche Strecke weniger Singletrack. Sicher ein lässiges Bikegebiet, aber in meinen Augen niemals allein die Reise wert. Der wahre Trailschatz liegt ja ganz woanders auf Réunion … Und man hat ja schließlich auch noch Urlaub, der konnte jetzt auch endlich beginnen

Der Cirque de Salazie

Der Cirque de Salazie ist eines der regenreicheren Gebiete auf Réunion, die schon am Vormittag aufziehenden Nebelwolken sind treue Begleiter. Die großzügige Vegetation ist sehr abwechselungsreich und je nach Höhenlagen und Exposition Tropisch bis Mitteleuropäisch. Eine Tour auf ein Hochplateau führt durch den Zauberwald. Beim Herauftragen bildet sich gleich einmal Nebel, der das Licht dimmt für die richtige Atmosphäre, es ist noch feucht vom Regen des vorigen Tages, der Weg ist wurzelig, nein er besteht nur aus Wurzeln.

Sie halten die Erde darunter verborgen wie die Finger einer gefalteten Hand, und glänzen nass. Angesichts dieses Wurzelteppiches herrscht große Enttäuschung vor, man erwartet ein fahrtechnisches Rutschfiasko, das Spiel scheint verloren. Ein voreiliger Schluss. Beim Antesten der Abfahrt bekommt der Zauberwald seinen Namen, dank der Zauberwurzeln - sie bieten den Wahnsinnsgrip und sorgen bei Nässe für sicheren Halt. Wenn man es nicht selbst gefahren wäre, man würde es nicht glauben. Die Verwandlung muss im Kopf zugelassen werden, die Nerven behalten, und der Spaß geht auf.

Die Tour führt weiter zu der Source Manouilh, warme, eisenhaltige Quellen, die über einen Felsen rinnen und ihn rotbraun färben. Leider zu wenig, um drin zu baden. Sie enttäuschend zu nennen, wäre ihnen aber doch zu unwürdig. Das Rad ganz bis zur Quelle mitzunehmen ist nicht unbedingt notwendig.

Einstieg in den Cirque de Mafate

(Mafate, Madagassisch für "tötender Hexer des Stinkwassers", ist der Name eines Sklaven, der dorthin flüchtete und sich versteckte. Wie er wohl zu dem Namen kam?)

Der Cirque de Mafate ist das Zauberwort für Eingeweihte, der eindrucksvollste der drei Cirques auf Reunion, unerschlossen, wild, steile Schluchten und trotzdem beste Wanderinfrastruktur mit Wegen und Berghütten, die von den Einheimischen instandgesetzt und betrieben werden. Es wird allerdings solch Eifer an die Instandhaltung der Wege gesetzt, dass sie mancherorts fast gänzlich mit Holzbohlen versehen sind. Die Arbeiter müssen wohl pro verlegter Bohle bezahlt werden.

Das bedeutet meist durchgängig eine nette Trialerei mit Einhakel-Charakter, aber keine Chance, die Wege gescheit einzufahren. Wir waren an einem Samstag unterwegs, unwissend, dass dieser Einstieg von Salazie an Wochenenden bei den Locals sehr beliebt ist.

Auch hier gebührt den kreolischen Wanderern wieder ein riesiges Lob, dank der Fairness den Bikern gegenüber. Wir sind sicher fast 100 Wanderern begegnet und kein unfreundliches Wort war zu hören, ganz im Gegenteil.

Ein Ziel im Cirque de Mafate ist La Nouvelle, ein kleines Dorf mit Übernachtungsmöglichkeiten in Berghütten. Von dort hat man Wanderungen in alle Himmelrichtungen zur freien Auswahl. Der Weg zum nächsten Dorf mit einer Hand voll Häusern führt durch einen Canyon, der oben wie gewohnt mit Stufensequenzen beginnt, und sich über 700 Höhenmeter kontinuierlich in Steilheit und vor allem Ausgesetztheit bis zur Seilversicherung steigert - großes Kino. Am Ende trägt man über riesige Boulder direkt ins Bachbett und befindet sich im geographischen Herzen des Mafate. Der Aufstieg ist unspektakulär anstrengend.

Ausstieg aus dem Cirque de Mafate

Der Morgen im Mafate bleibt diesmal ohne Frühstück, ohne Sonne ist es noch gar fröstelig und feucht. Nach 2 Stunden hungriger Tragerei am Joch angelangt, ergeben die letzten Kokoskekse zusammen mit dem letzten Käse und einem Schluck Wasser die mindeste Stärkung. Dann nach schwerster Trialerei im oberen Sektor eröffnet sich plötzlich der "Gartenweg". Ein Singletrail auf Rasen im Hohlweg angelegt, Anlieger, kleine Sprünge, die Hayes freuts auch, zum ersten mal speeden. Logisch liegt bald wieder etwas Vulkangestein herum, es stört nicht, jetzt nicht mehr.

Das Eintauchen in den Nadelwald treibt es auf die Spitze. Der Trail ist einen Zentimeter mit Nadeln bedeckt, aber nicht grün oder orange oder gelb.

Grau, Aschgrau, man meint erst alles ist mit Asche bedeckt oder das Farbempfinden ist gestört, zum Glück trägt man rot, es ist weich, kurvig, man ist schlicht und einfach verzaubert und berührt, was die Natur einem hier als Geschenk anbietet. Sicher, Hunger und Anstrengung haben einen weich gemacht, gefügig, man wäre mit weit weniger zufrieden, aber das übersteigt die Vorstellungskraft, es ist ein Orchester, eine Offenbarung. Man nimmt das Geschenk mit Demut an.

Am Vulkan Piton de Fournaise

Vor zwei Jahren ist der Piton das letzte Mal groß ausgebrochen, vor ein paar Monaten hat sich das Kraterinnere um 300m gesenkt als eine der Magmakammern einstürzte. Man wandert wirklich über scheinbar frisch erstarrte Lava. Mit den aufziehenden Passatwolken über dem Meer und dem riesigen äußeren Kraterrand ergibt das ein fantastisches Panorama auf 2500m. Diese Wanderung gilt mit Recht zu den Pflichten eines jeden Réunion-Reisenden.

Destilliert

Wie überall gibt die Topographie die Trails im groben vor. 3 Millionen Jahre ist die Insel erst jung, in dem Klima zu wenig für anständiges Abflachen der scharfen Kanten und steilen Hänge. Leider konnten auch keine Gletscher nachhelfen. Die Alpen mit ihren etwa 20 Millionen Jahren hatten schon mehr Zeit zum Abflachen, wenn man 300 Millionen Jahre warten kann wird’s schon wieder so flach wie in deutschen Mittelgebirgen oder Australien.

Grob geschätzt kann es in einem Terrain ab 15 Millionen Jahren schon etwas flowig werden auf den Wegen, vorausgesetzt, es werden nicht so konsequent Bohlen verlegt.

Also: auch Biketrails brauchen die richtige Zeit zur Reifung. In den Cirques von La Réunion lagern ein paar ganz spezielle Jahrgänge verborgen, Wege, die im Fachjargon auch "Holy Trails" genannt werden, es ist Vertrider-Backcountry in ursprünglichster Form. Alle technischen Sequenzen der Alpen destilliert, veredelt, klar, rein, Shuttlemöglichkeiten als unrein abgeschieden, das Flowige nur als feinste Nuance, als unterschwellige Geschmacksnote zur Vollendung, wie bei eichenfassgelagertem Whisky, der eine rauchige Note beim Abgang entfaltet. Die Holzbohlen sind Verunreinigungen, Nebeneffekt, den man in Kauf nehmen muss, wie Kerne in Oliven. Und übermäßiger Genuss kann durchaus zu Rückenschmerzen führen, wegen der vielen Tragerei.

Im Cirque de Mafate

Zugegeben, man muss es mögen, einen Hang zu Schweiß und Schmerz haben, dann wird man jedoch reichlich belohnt. Ortskundige Bikeguides sucht man für derartige Touren übrigens vergeblich, dafür gibt es wunderschön gestaltete 1:25 000 Wanderkarten (insgesamt 6 Stück für die ganze Insel) und natürlich viele Wanderführer auf Deutsch mit Wegbeschreibungen, die man nur noch übersetzen muss (gut präparierte Wege = Bohlen, etc.). Damit hat man an Literatur alles für einen lässigen Urlaub voller Adventure-biking.

Obwohl sich das Abenteuer freilich nur auf die Trails bezieht, hält sich die Abgeschiedenheit in absoluter Relation natürlich in Grenzen, die EU ist da, auch mit einem Gesundheitssystem auf hohem Niveau, Handynetz und Hubschrauberrettung. Im Urwald ist alles ungiftig, keine Guerillas, keine entflohenen Sklaven mehr, anständiges Trinkwasser, alles in allerbester Ordnung, kein Kulturschock. Am Ende bleibt festzustellen: La Réunion ist unbedingt eine Reise wert, ob mit oder ohne Rad. Aber wer will schon ohne Rad Urlaub machen?

Reiseinfos:

Der Flug geht klassischerweise über Paris, meistens mit Flughafenwechsel, was aber möglichst vermieden werden sollte. Alternative: Teuer "Innsbruck-Frankfurt" und billig "Frankfurt-Mauritius". Von Mauritius geht’s mit dem Schiff (billig in der billigen Klasse) über Nacht. So sieht man noch die komplett andere, verzaubernde Insel Mauritius und fährt außerdem mal wieder Schiff.

Beste Reisezeit: Je nachdem eigentlich das ganze Jahr. Jede Saison hat ihre Vorzüge. Temperaturen sind im wesentlichen gleich. In den französischen Sommerferien (Juli/August) und über Weihnachten/ Neujahr sowie im (Süd)-Herbst ist "Hochsaison". Als beste Wanderzeit gilt Mai-Oktober. Wir waren im November/Dezember auf der Insel.

Die Autoren

Freeride-Marathon-Rennen fahrende Paare sind eher aussergewöhnlich. Noch schräger aber wird es, wenn ein Physiker und eine Mathematikerin ausziehen, um mit Freeride-Bikes entlegene Ecken der Welt zu erkunden... Ein früherer Artikel von Axel und Sylvia erschien noch auf der alten Vertrider-Website: » Bolivien mit dem Freeride-Bike, und ist ebenfalls sehr lesenswert.  
Zu den Galleries:  » Réunion Gallery 1, und » Réunion Gallery 2 


© Vertriders.com 2008