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Nix wie ab auf die Sonnenseite

Wir schreiben den 2. November, Schnee hat's nur am Gletscher und auf Skifahren unter den Lemmingen hab ich doch irgendwie noch keine Lust. Pfeifer Christof und ich haben am Fenstertag frei, also werden die Bikes gesattelt.

Aufstieg im Schnee - Abenteuer muss sein

Wunderbar, wir rücken aus, aber wohin? Es gäbe ja noch einiges das fahrbar ist. Da fällt mir eine altes Projekt ein, das ich schon ewig probieren wollte. Exposition auf der Abfahrt: Südseitig, schneefrei. Einziger Faktor der eventuell ein Problem darstellen könnte: Der nordseitige Aufstieg - aber dort hat es wohl nicht mehr als 5-10 cm Schnee, höchstens. Und Schnee ist für mich auf einer Abenteuer-Biketour wie dieser vielleicht lästig, aber sicher kein Hindernis.

Gut gespurt ist halb gewonnen

Nach 40 min Tragen wird es ernst - wir tauchen in den Latschengürtel und treffen auf zunächst spärlichen Schnee. Im Schatten wird er jedoch manchmal schon tiefer. Christof spurt die meiste Zeit, und ich trotte ab und zu Bilder machend hinterher. Die Aufstiegsroute verläuft auf einem Rücken - manchmal auch Grat - die meiste Zeit in der Sonne. Hier hat die Schneeschicht - wenn vorhanden - einen leichten Deckel. Schattseitig ist der Schnee weich und fast ohne Unterlage. Wir kommen beim Gehen meist auf den Boden durch, gute Traktion also.

Gedanklich in der Nordwand

Picco ist heute auch am selben Berg unterwegs, allerdings mit Kletterseil und Haken. Er steigt von Norden mit Julia über einen Klettersteig hoch. Während wir hier schnaufend hochzuckeln, sitzen die beiden wohl schon am Gipfel in der Sonne und warten darauf, dass sie uns unten vorbeigehen sehen.

Sonne und Panorama pur

Der Aufstieg wird langsam felsig. Ab und an gehen wir an ausgesetzten Stellen vorbei. Trittsicherheit ist gefragt, sonst liegt man 400 m weiter unten tot in einer Rinne. Wir hören hinter uns Schritte, ein Scharnitzer Bergsteiger stösst zu uns. Er freut sich sichtlich über unsere Gesellschaft. "I tua ja selber auch biken, aber solche Freaks wie euch sieht man nicht alle Tage, Respekt!". Der Bergfex geht voraus und macht eine feine Spur. Nach gut 1 h Aufstieg kitzelt die Sonne meine Nasenspitze und die gute alte Eisenstange am Plateau kommt in Sicht.

Da waren wir schon

Wir setzen uns nieder und tauschen Gipfelerlebnisse aus. Das Panorama ist umwerfend und die Berge durch den Neuschnee sehr nuanciert modelliert. Am Horizont stehen Föhnwolken wie aus dem Lehrbuch. Das Beste ist jedoch: nicht wenige der Gipfel und Jochübergänge die rundum sichtbar sind, haben wir in den letzten Jahren schon mit den Bikes absolviert.

Und da waren wir auch schon

Es ist ein fantastisches Gefühl, wenn man die Berge sieht, und weiss, welche dieser Giganten mit dem Bike mit einer Portion Abenteuerlust, Vorstellungskraft, guter Kondition und Fahrtechnik, sorgfältiger Tourenplanung und vorrausschauender, sicherer Fahrweise ohne großes Risiko machbar sind. Ich sehe die Gipfel, und verkette die einzelnen Routen in Gedanken zu einem großen Ganzen.

Grüße von oben

Genug der Träumerei. Die Jausepause ist leider bald vorbei, eine lange Abfahrt liegt noch vor uns. Wir werfen wir uns in die Panier, checken die Bikes, und beginnen dann in Ruhe den Weg durch das schattige, verschneite Felsplateau.

Da ertönt ein Pfiff! Picco und Julia winken vom Gipfel und wir melden rufend, dass im Aufstieg alles bestens sei. Die beiden wollen dort runtergehen, wo wir hochgetragen haben. "Alles klar und gute Abfahrt", ruft Picco. Vorsichtig gehen wir weiter, und absolvieren kletternd zwei kleinere Absätze, tragen die Bikes über verwitterte Boulder, durch kleine Canyons bis wir fein aufgewärmt beim Einstieg der Abfahrt ankommen.

Ab durch die Mitte

Die Abfahrt kann beginnen, in der Sonne ziehe ich gleich einmal die jetzt überflüssige, warme Windjacke aus. Der Scharnitzer geht derweil voraus. Grosses Kino: Die Berge ringsum sind angezuckert, schöner kann die Aussicht wahrlich nicht sein. Ein paar kleinere Felspassagen sind locker gemeistert, und wir rollen uns warm. Die sonnige Abfahrt und den griffigen Trail genieße ich mit allen Sinnen, das Bike wohl auch. Die fetten Reifen bieten Grip Ende nie, die Federung saugt genüsslich schmatzend alle Hindernisse auf, die Bremsen sind feinst dosierbar, das Fahrwerk gutmütig, der Fahrer entspannt, und so gleite ich wie auf Tiefschnee surfend den feinen Trail entlang.

Mixed Biken

Wir passieren den Bergsteiger und verabschieden uns. Er meint lachend: "Burschen! Das hätte ich nie gedacht! Bei euch schaut das Biken selbst in diesem Gelände so unglaublich einfach aus, da kommt man sich fast blöd vor runterzulaufen! Ihr macht das - wie man sieht - nicht zum ersten Mal!".

Wir wünschen ebenfalls lachend einen erfolgreichen Abstieg, und verrollen uns. Sorgfältig achten wir darauf - wie auch beim Wandern - Steinschlag zu vermeiden. Denn sehr viel weiter unten verläuft ein Weg parallel zu unserem, aber auf ihm sind tatsächlich keine Leute mehr unterwegs. Immer wieder verlangen ein paar ausgesetztere Stellen Konzentration und eine saubere Fahrweise. Man darf auf so einer Tour nie vergessen: Hochalpines Gelände verzeiht keine Fehler!

Soulriding pur

Doch Christof hat heute einen sehr guten Tag, und sozusagen das feine Essbesteck ausgepackt. Er fährt den Trail voraus mit beinahe unheimlicher, geradezu chirurgischer Präzision. Ich komme aber auch immer besser in Schwung, und das Radl wurlt wie ein Uhrwerk unter mir dahin. Pilot und Gerät sind eine Einheit. Sollten sie auch sein: Es warten noch 1500 HM teils knackige Abfahrt - doch die werden wir geniessen!

Geschüttelt und gerührt

Als wir viel später schon recht Müde im Tal rauskommen, treffen wir am Parkplatz wieder Picco und Julia, beide haben das Funkeln eines erfolgreich gekletterten Berges in den Augen.

Ja, so schaut er aus der perfekte Biketag im Herbst! Absolute Ruhe, kaum mehr Leute unterwegs. Bergauf etwas für die Kondition getan, oben Panorama pur, bergab ein goldenes Licht, blauer Himmel rundum, mit einem guten Freund am Weg und ein Trail voraus, an den ich noch den ganzen Winter denken werde! So soll es sein.

Viel Spass mit dem » Fotoalbum der Tour!

Viele Grüsse
Christoph Malin

© Vertriders.com 2008