Sing mir das Lied vom TwentyNiner - Hype oder bald schon Mainstream?
Unsere liebsten deutschen Magazine haben, so scheint es, ein neues Lieblingsthema: 29“ oder „Twentyniner“. Was steckt dahinter? Hype oder sinnvolle Technik? Eine kritische Betrachtung ...


Dem 29er Hype möchte ich vorab einfach mal eine einfache Lebensweisheit voranstellen: „Man sollte nicht gleich jeden Scheiss kaufen, der aus den USA kommt“. Diese Weisheit hat mir in den letzten 20 Jahren - was bike-Anbauteile betrifft - immer wieder dabei geholfen, Geld und Nerven am Bike zu sparen, und nicht für sinnlose Mountainbike Hypes auszugeben - wie zB mechanische Scheibenbremsen, die in den USA nach wie vor verkauft werden, aber bei uns aus gutem Grund gefloppt sind. Warum sollte man sich auch für das schlechtere Produkt entscheiden?
Doch zuerst, worum geht es bei 29“?
Twentyniner könnten die nächste Revolution im Mountainbike Bereich sein (oder sind es schon?) - diese Mountainbikes haben grössere Laufräder, rollen, wenn sie einmal in Fahrt sind besser und leichter über Hindernisse, und bieten über die vergösserte Reifenkontaktfläche etwas mehr Traktion.
Soweit so böööp. Ganz klar, 29er haben Vorteile. Aber das weiss jeder CycloCross Fahrer auch. Schon mal versucht mit dem Mountainbike an einem Cyclocrosser dranzubleiben? Ist wie mit einem Messer zu einer Schiesserei gehen, man hat einfach keine Chance.
Tangiert mich mit meinem Enduro und Freerider aber herzlich wenig. Ich habe schon seit dem ersten Specialized Enduro und später Big Hit das ich fuhr beschlossen, bergauf keine Rennen mehr zu gewinnen. Und daran hat sich seit 10 Jahren auch nichts mehr geändert.
Was das tolle „Rollgefühl“ auf 29ern betrifft, haben die Magazine natürlich auch recht. Nur verschweigen die Halbgötter in Lycrahosen dabei ein paar kleine, unrelevante Details: Twentyniner haben durchaus ein paar Problemchen an der Backe....
Twentyniner sind ...
... träger, beschleunigen schlechter - die Laufräder haben ein grösseres Trägheitsmoment (mehr Gewicht an der Aussenseite)
... schwerer, die Laufräder sind deutlich schwerer und flexen mehr (und werden IMMER schwerer sein, als ein vergleichbares 26“ Rad)
... spezieller, die Auswahl der Reifen und Felgen ist begrenzt (meistens auf den Hausmarke-Billigreifenmüll, mit denen die Hersteller ihre Bikes original ausstatten)
... komplizierter, die Ersatzteilversorgung für die speziell notwendigen 29“ Federgabeln ist gelinde gesagt, je nach Distributeur meist höchst unbefriedigend
Zusätzlich dazu brauchen Twentyniner jeweils eine eigene Rahmenkonstruktion (noch die wenigsten Hersteller bieten heute dazu grössenspezifische Rohrdimensionen). Das macht in der Produktion ein Fortführen einer Modellreihe mit paralleler 26“ und 29“ Ausführung natürlich teuer. Ganz klar, dass diesen erhöhten Produktaufwand WIR Trotteln = Endkonsumenten zahlen müssen.
Mountainbikes werden 2011 noch teurer? Inflation? Gestiegene Lohnkosten in China? Bullshit. Die 29er Entwicklungs- und Produktionsdoppelkosten wollen wieder hereingespielt werden.
Desweiteren sind Twentyniner wohl auch nur bei Fahrern über 1,80 m Körpergrösse sinnvoll einsatzbar, und da beisst sich die Katze in den Schwanz: bisher habe ich Lobhudeleien zu 29ern eigentlich nur von Redakteuren gelesen, die deutsches Gardemass besitzen. Verständlich dass beispielsweise Christoph Listmann, Race-Urgestein bei der „bike“ über 29er nur so jubelt. Listi ist ziemlich gross.
Genausowenig man Listi auf einen „S“ Rahmen setzen sollte, genau soviel Spass wird er natürlich auf einem 29“er haben - weil ihm das in der Grösse mal so richtig gut passt (die Frage ist, ob Listi alle seine Tests der letzten 10 Jahre neu bewerten wird?? :)
Oder 29er Papst Gary Fisher: der Mann ist fast 2 m gross. Was sagt uns das? Da hat jemand CycloCross Technologien aufs Mountainbike umgesetzt, dabei sich selbst als Maßstab genommen aber nicht an kleine Leute gedacht.
Kleine Menschen werden mit 29ern wenig Spass haben: sie stossen in Kurven mit dem Schuh am Vorderrad an, tun sich schwer beim Auf- und Absteigen vom Rad. Und eigentlich das Ärgste: ihre Körpergrösse wird durch das 29“ Design optisch noch einmal deutlich betont. Super oder? Eigentlich ein Kaufsupergau. Ein „S“ oder „XS“ 29er schaut aus wie der Alptraum jedes Rahmendesigners - ein „Vollkrapfen“.
Und das wollen mir nun alle als DIE Innovation verkaufen?
Da ist es doch eine sehr löbliche Ausnahme, dass mit Liteville ein deutscher Hersteller nach 100 Jahren Fahrradbau endlich einmal Stellung bezieht und sagt: Äh, Leute! Warum sollen kleine Menschen grosse Rahmen und große Laufräder fahren? Warum sollen kleine Menschen riesige Räder fahren, deren Gesamtgewicht in Relation zum Gewicht der Fahrer in krassem Missverhältnis steht?
So ist der Liteville Klassiker 301 erstmals in der Rahmengrösse XS mit speziell angepasstem 24“ Hinterbau erhältlich - eigentlich eine Revolution (und eine Demaskierung von Halbgott Fisher, denn würde er konsequent weiterdenken, müsste er genau DAS auch anbieten).
24“ Hinterrad heisst:
- kleines, leichtes, steifes Laufrad, das schneller beschleunigt
- Laufrad ist immer ca 100-200g leichter als ein vergleichbares 26“ oder gar 29“ Laufrad
- bessere Standover Height
- bessere Lage zum Hang in steilem Gefälle
- kleinerer, leichterer Hinterbau
Litevilles mutige, technisch bis ins Detail ausgefeilte Lösung erleichtert kleinen Fahrern den Umgang mit dem Bike und den Einsatz im Gelände enorm, und selbst mittelgrosse Fahrer profitieren vom Gewichts- und Handlingsvorteil (in schwererem Gelände).
Aber zurück zu Twentyninern. Gerade bei Hardtails sind sie sicherlich ein Komfortgewinn. Aber wenn dann würde ich eher für 25“ hinten und 27“ vorne plädieren.
Und unsere liebsten Magazine sollten auch den Mut haben zu sagen: 29“ - nur für grosse Leute sinnvoll, und .... den Neuentwicklungsaufwand und die Doppelgleisigkeiten zu 26“ zahlt ihr, liebe Leser.
In diesem Sinne,
Christoph Malin
Vertriders.com
PS: Nachtrag zu 29“
Aus dem Vertrider Forum...
29“ von RobertG am 12 Nov. 2010 10:49
Ich hab grad die kleine "Bildoberschrift" auf der landing page gesehen :-)
Nur mal so eine Frage: wer ist denn schon 29er gefahren und kann mir berichten, wie es war?
Und wer würde sicher nie ein 29er kaufen und warum?
Ich würde es mir als 2.-Bike zum durch-den-Wienerwald-hirschen überlegen...
RE: 29“ von VertriderChef
servus,
ich konnte vor einigen monaten ein FELT 29"er neben einem modellgleichen 26"hardtail testen. bei hardtails finde ich es grundsätzlich ziemlich lässig, weils natürlich ruhiger rollt, und logischerweise mehr grip hat (beim beschleunigen und bremsen).
es gibt aber ein paar dinge die mich gestört haben, und die ich nicht so leicht akzeptieren kann und die vorteile teilweise aufwiegen:
- schwerer, wenn es so leicht sein soll wie ein vergleichbares 26", wird es teurer
- man stösst bei kleinerer rahmengrösse extrem schnell am vorderrad an
- bis es beschleunigt war rollte es zäher (schwerere rotierende masse, ein bisschen wie beim freerider wenn man schwere reifen fährt)
- laufräder weniger steif (längere speichen, walkt halt mehr)
- doch eine komische optik
- nicht sonderlich handlich in wechselkurven, man spürt die trägheit schon
die subjektiven fahreindrücke egalisieren sich warscheinlich mit der zeit, wenn man nurmehr 29" fährt. beim wechseln fällt es jedoch auf.
und du solltest dir auch überlegen ob es zu deiner körpergrösse passt. m.E. schaut nichts beschissener aus als ein mensch mit kleinerer körpergrösse auf einem 29er. wie ein kind auf einem viel zu grossen bike halt. ich meine muss das sein? kleine leute hatten schon von jeher den nachteil nie wirklich optimal auf sie angepasste räder zu bekommen, und mit 29" wird nun komplett darauf gesch...en.
dieses thema wird in den magazin-tests derzeit ausdauernd ignoriert.
last but not least sehe ich noch ein problem, auf das derzeit überhaupt nicht eingegangen wird: die doppelgleisigkeit in der herstellung, und der immense ersatzteilaufwand. das verursacht immense zusatzkosten.
alles muss derzeit für 29" extra zusätzlich produziert werden. und für die importeure ist speziell das thema 29" federgabel ein finanzielles riesenproblem. jetzt müssen die sich im jahr nach der wirtschaftskrise, wo manche mit der ignoranz der banken eh zu kämpfen haben, auch noch viele gabeln und ersatzteile in einer 29" variante aufs lager legen. das war schon mit E2 tapered (zusätzlich zu 1.5 und 1-1/8") eine immense hürde, und wird mit 29" noch schlimmer. ein echtes problem.
diese lager und finanzierungskosten werden auf uns, die endkunden abgewälzt werden.
die magazine versuchen uns diese preiserhöhung derzeit mit schmähs wie "in china wird jetzt besser bezahlt, deshalb werden die bikes teurer" zu verklickern. nur teilweise wahr. klar gibt es auch wechselkursschwankungen etc.
aber die ursache für preiserhöhungen sind letztlich die 29er, wir kunden die blöden. da werden sich 2011 noch einige anschauen.
also wird es letztlich ein 26" sterben geben. und das kann ich nicht akzeptieren, denn 29" ist nicht in jedem anwendungsbereich die beste lösung.
vor allem interessiert mich das geschwätz der amis diesbezüglich überhaupt nicht. die haben für 29" ganz andere trails und anwendungsbereiche, die auf europa überhaupt nicht 1:1 übertragbar sind, sondern je nach region verschieden.
ich meine ich freue mich natürlich total, wenn das alles nicht eintritt, und ich falsch liege. wär‘ ja schön. dann hätte man ein zusätzliches produkt, dass wieder mehr leute (so wie e-bikes) weg vom auto und aufs rad bringt.
aber die zu erwartenden preiserhöhungen und die massiven kosten für die händler und distributeure versalzen mir die 29" suppe dann schon massiv.
viele grüsse,
christoph
