Hurra, wir haben noch nicht genug Standards - warum dann auch noch E2?
16/06/2010 23:21 Gespeichert in: Kommentar
Manchmal gibt es im Leben eines Bikers Momente, da könnte er aus der Haut fahren. zB dann, wenn er in technischer Unkenntnis seine bisherige 1.5“ Gabel in einen Rahmen mit dem neuen E2 Steuerrohr einbauen will. Geht nicht. Sch....e. Danke, liebe Fahrradindustrie. Eine kritische Betrachtung.
Doch zuerst ein kleines Standard Horrorkabinett der Fahrradindustrie...




Von Standards und einem neuen Standard, der auch schon wieder drei verschiedene Unternormen hat.

Die RockShox Totem gibt es mit 1-1/8“, 1.5“ und E2. Der Dumme ist der Kunde. Er zahlt den Preis für die aufwändige Lagerhaltung der verschiedenen Gabelvarianten und Ersatzteile.
Vielleicht erinnert sich wer? 2002, bzw 2001 auf der Interbike, wurde der OnePointFive Standard eingeführt. Also Steuerrohre mit 1,5“.
Mit 1.5“ war Schluss mit ausgeschlagenen Steuersatzlagern, neue, langhubige Singlecrown-Gabeln mit 170 mm oder mehr wurden damit erst möglich.
Aber was genau waren nochmals die Vorteile von 1,5" in der Praxis?
OnePointFive bringt bis zu 134% mehr Steifigkeit und 44% mehr Stabilität (im Vergleich zu 1-1/8“).
Onepointfive wurde entwickelt:
- um einen gemeinsamen Steuerrohr, Gabelschaftrohr und Steuersatzinterface-Standard zu haben
- um dem Trend zu immer mehr Federweg bei Einfachbrückengabeln bei gleichzeitig immer häufiger geforderter, erhöhter Lenkpräzision Rechnung zu tragen
- um mit den Limitationen von 1-1/8" aufzuräumen, einem Standard der entwickelt wurde, als Bikes noch keine, oder wenn, dann max. 40 bis 50 mm Federweg hatten
- um über den erhöhten Durchmesser einen dramatischen Zuwachs an Steifigkeit (bis zu 134%) und Stabilität (bis zu 44%) in allen Vorderbaukomponenten zu erreichen, und das bei einem minimalen Gewichtszuschlag (ca. 20 Gramm)
- um über den grösseren Durchmesser erhöhte Festigkeit, Kontrolle, Lenkpräzision und Dauerhaltbarkeit zu erreichen
- um eine grössere Kontaktfläche des Rahmensteuerrohrs am Rahmen zu bekommen
Dabei ist es aber mit 1,5“ jederzeit möglich, eine 1-1/8" Doppelbrückengabel über Reduziersteuersätze in einen 1.5" Rahmen einzubauen, um dabei von der erhöhten Steifigkeit des Rahmens zu profitieren.
Diese Reduziersteuersätze, die, je nach Modell über dickere Lagerkugeln oder Reduzierplatten direkt von 1,5" auf 1-1/8" reduzieren, können dann als die ultimative Steuerrohr-Lösung gelten. Eine 1-1/8" Doppelbrücken-Gabel mit Reducer-Steuersatz in einem OnePointfive-Rahmen verbaut, ist so ziemlich das steifste was es gibt.
Und was genau waren noch mal die Nachteile von 1,5"?
• Sicherlich ein finanzielles Problem für kleinere Shops war die Aufwendung für einen neuen 1,5" Steuersatz-Fräser.
Aber jetzt kommt E2, auch genannt „Tapered Steerer“. Ich stehe mit meiner sündteuren 1,5“ Enduro-Gabel in der Garage und kann sie nicht in meinen neuen E2 Rahmen einbauen. Sozusagen ein „stranded Investment“.
Auszug aus der Technik-Seite eines bekannten Herstellers:
- E2 ist die nächste Evolutionsstufe des herkömmlichen 1 1/8" Steuerrohrs – ein System mit konischem Steuerrohr, Gabelschaft und Steuersatz. Danke, das habe ich jetzt gemerkt.
- E2 verjüngt sich vom unteren 1.5"-Lagersitz zu einem 1 1/8" Schaftdurchmesser oben. Dabei ist viel Material dort, wo es drauf ankommt – für einen stabileren, leichteren Rahmen mit absoluter Lenkpräzision. Das mag vielleicht sein, aber ich möchte doch trotzdem meinen lenkpräzisen, supersteifen 1,5“ Vorbau weiterverwenden, und nicht wieder zurück zu einem weichen 1-1/8“ Vorbau, der sich mit meinem neuen 780 mm Lenker windet wie ein Fisch am Strand.
- Räder anderer Hersteller verwenden ein reines 1.5" Steuerrohr oder verbauen eine Doppelbrückengabel. Beides wiegt deutlich mehr oder schränkt den Lenkradius deutlich ein. Ah so. Ein häufig verbauter Cane Creek 1,5“ Zero Stack Steuersatz wiegt 109 Gramm, das E2 Pendant 92 Gramm. Ich stehe immer noch mit der 1,5“ Gabel da und frage mich, ob 10 Gramm Gewichtsersparnis beim Steuersatz den Ärger den ich - und viele andere 1.5“ Fahrer - jetzt habe wert sind.
Derselbe Hersteller bietet auch ein englischsprachiges Video an, in dem über E2 schwadroniert wird dass sich die Balken biegen, und dass das System „leichter und steifer“ sei. Konkrete Gewichtsangaben werden dazu nicht gemacht, eh klar, wäre auch peinlich - bei vielleicht 40 Gramm Gewichtsersparnis? Zum Vergleich: ein Syntace Force 1.5 wiegt 144 g, ein Syntace Superforce 31.8 139 g. Macht 5 g Gewichtsersparnis beim Vorbau - aber wenigstens muss man sich bei Syntace keine Sorgen machen dass nicht weniger als das Menschenmögliche getan wurde, um den 1-1/8“ Vorbau so steif wie möglich zu bekommen.
Um wieviel leichter das E2 Steuerrohr zum 1,5“ Steuerrohr ist, kann ich übrigens nicht sagen, aber vielleicht säge ich es vom neuen Rahmen ab, und wiege es. 20 Gramm?


Welcher von den beiden ist wohl lenkpräziser? Links 1-1/8“ (139 g), rechts 1,5“ (144 g)
Macht bestenfalls also 40 Gramm Gewichtsersparnis. Summa summarum etwas mehr oder weniger Wasser im Camelback & ein Mars Riegel, oder zwei. Und wegen diesem Sch... muss ich jetzt meine Gabel von 1,5 auf E2 Krone umbauen? Geschätzte Arbeits- und Ersatzteilkosten: 200 bis 250 Euro.
Es ist mir auch klar, dass - wenn es um jedes Gramm geht und beim Rahmen sonst schon alles gewichtsoptimiert ist - dann auch beim Steuerrohr Gewicht gespart werden muss. Doch um jeden Preis?
Und warum soll auf einmal die weniger steife Lösung bei Vorbauten die bessere sein? Erkauft man sich da nicht einen gravierenden Nachteil?
Kommt dazu, dass ein Anruf bei einem grossen Teiledistributeur zeigt, dass „momentan“ keine E2 Gabeln, Kronen und sonstigen tapered Bauteile lagernd sind. Na toll. Ist ja auch klar, „jetzt muss ich mir dieses Scheiss-Format auch noch auf Lager legen, das kostet wieder! Na dann werden wir das halt auf die Kunden abwälzen...“, wird sich der Chef dieser Distributionsfirma denken.
Herzlichen Dank, liebe Fahrradindustrie, ihr seit die grössten und steht der PC Industrie mit ihren immer neuen, bescheuerten Standards in nichts nach. Hauptsache inkompatibel und nach mir die Sintflut.
Diesmal zornig,
Christoph Malin
Vertriders.com
