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"Vario Gabeln" - ja, nein, weiss nicht? Hier ein paar Ideen warum evtl doch nicht...

Neulich auf Tour... Während 2h Aufstieg senke ich meine Gabel kein einziges Mal ab, auch in Rampen. Der Kollege mit seiner brandneuen Fox fummelt hingegen ständig an seiner Gabelabsenkung rum. Raus, rein. Etwas weiter runter, wieder hoch. Dann ganz absenken, und wieder ganz noch. Er scheint sich nicht schlüssig zu sein. Genervt frage ich ihn schliesslich: „Alter, muss das sein?“ Er schaut mich staunend an und erwidert... „naja in den Magazinen steht, ...man braucht Vario-Gabeln, sonst kommt man nicht den Berg hoch!... und funktioniert doch super, oder?“. Vario-Gabeln... wenn ich das nur schon höre. Eine kritische Betrachtung...

Um es gleich vorweg zu nehmen: ich habe nichts gegen Federgabeln mit Federwegsabsenkung und dergleichen.

Frau Psylo mit ihrem genialen U-Turn System und ich verbrachten viele glückliche Jahre (das RockShox 2Step Desaster bescherte mir allerdings auch einige Monate im Bikerleben die von einigen lauten Flüchen begleitet waren). Und genauso viele Jahre war ich frustriert von schlecht funktionierenden Hinterbauten, die - sobald ich in eine Rampe fuhr - wegsackten. Wodurch die Front hoch kam. Blockierte man den Dämpfer war es aus mit der Traktion und das Gehoppel über Wurzeln fing an.

Man war also regelrecht gezwungen, die Gabel vorne ebenfalls abzusenken, um dies zu kompensieren und den Dämpfer wieder offen fahren zu können. Falls es jemand noch nicht gekneisst hat: ein blockierter Hinterbau rollt in holprigem Gelände SCHLECHTER als ein offener Hinterbau.

Heute, 10 Jahre später, gibt es aber Fahrwerke, die sind bergauf so nickstabil und neutral, dass es eine Federwegsabsenkung vorne de facto nicht mehr braucht. Wie der jeweilige Hersteller das löst (VPP, HorstLink, Brain whatever) und ob das jeweilige Design (meist „der heilige Gral“) Pedal Rück- oder Vorschlag hat, tut hier nichts zur Sache.

Last but not least ist eine Federgabelabsenkung je nach Steigung der Rampe die man hochfährt, auch kraftraubend. Das lässt sich schon auf einer ebenen Asphaltstrasse feststellen, wenn man die Gabel komplett absenkt. Das Rad rollt auf einmal deutlich schlechter - da man von der Radlastverteilung her nun voll in die Reibung des stärker belasteten Vorderrads tritt.

Geht man bei der Gabel in den vollen Federweg, schiesst das Bike wieder regelrecht vorwärts, und rollt viel viel besser. Warum?

Normalerweise geht man am Bike von 50:50% gleichmässiger Radlastverteilung aus. Fährt man nun eine Rampe hoch, ändert sich das zB auf 70:30%, oder 60:40% usw. Um diese Radlastverteilung wieder möglichst neutral zu halten, senkt man vorne die Gabel ab und erreicht hoffentlich wieder eine Aufteilung von 50:50*.

Allerdings ist das in der Praxis selten der Fall - man wird nie genau die optimale Absenkung für die jeweilige Rampenneigung finden. Entweder kippt das Bike nach hinten, oder man tritt schon wieder zu stark in das Vorderrad.

Die weitaus elegantere Lösung ist hierbei eine Hinterradfederung, die möglichst nickstabil ist, und auch bei einer Änderung der Radlastverteilung möglichst wenig nach hinten wegsackt. Dann braucht es auch nicht wirklich eine Gabelabsenkung.

Ein angenehmer Nebeneffekt: Ohne Absenkmechanismus sind Federgabeln deutlich weniger komplex aufgebaut. Merke: Komplexität, Massenfertigung und Toleranzen sind 3 Wörter die sich gegenseitig ausschliessen. Ergebnis: Schrott im Neuzustand der bald wieder zum Service muss. Denn enge Toleranzen bei Massenfertigung einhalten, da müssten aktuelle Federgabeln am Markt 3-4x so teuer sein. Aber solange die Devise lautet: „Sell it, and see what comes back...“ (:

Als Beispiel für unterschiedlichen Komplexitätsgrad hier die beiden Ersatzteil-Diagramme einer RockShox Totem 2Step, und einer Totem Solo Air (könnte übrigens genauso eine Fox, Marzocchi, Magura oder was weiss ich sein)...

totem_sa_ov_detailtotem_2s_ov_detail
Links: Totem Solo Air, rechts: Totem 2Step. Interessant auch das Kronenwirrwar: 1-1/8“, E2 und 1,5“.

Und hier die Luftfederung beider Gabeln.
totem_2s_detailtotem_sa_detail
Links: Totem 2Step Dämpfungsmechanik, rechts: Totem SoloAir Einheit.

Gut zu sehen: Die SoloAir Seite ist deutlich weniger komplex, als das 2Step Pendant, und die Explosionszeichung zeigt bei weitem noch nicht alle Einzelteile. So ist zB auf dem Diagramm der 2Step Gabel der 2Step Knopf nicht zerlegt dargestellt (non-serviceeable-Unit), denn das wären sonst auch noch extra Kügelchen und Federchen.

Dem geneigten Leser äh Biker könnte das ja alles egal sein. Viele wissen nicht mal, dass ihre Gabel Wartungsintervalle hat, wozu sollen sie sich da noch Gedanken machen ob ihre Gabel „komplexer“ oder „simpler“ aufgebaut ist? Sie vergessen dabei aber eine ganz einfache Frage: welches Gabelmodell ist fehleranfälliger, welches wartungsintensiver? Welches Modell verschwindet möglicherweise im Sommer bei einem Defekt länger in den heiligen Hallen des Factory-Reparaturservice? Die einfache oder die komplexe Gabel, deren Service länger dauert? 3x dürft ihr raten...

Die Frage ist nur: Wer ist wirklich schuld? Die Hersteller, oder die Magazine?

Ich behaupte - letztere!.... Die Mags trichtern uns bei jedem Federgabeltest ein, wie wichtig eine Gabelabsenkung ist (zB „Vario Gabeln“). Bullshit. B u l l s h i t. Dass dabei die Komplexität der Gabel, die Fehleranfälligkeit, Wartungsintensivität und das Gewicht zunimmt, wird
nicht reflektiert.

Aber wen wunderts. Die Testredakteure bekommen sowieso jedes Jahr eine neue Gabel geschenkt. Da ist Wartung dann halt nicht so wirklich das Thema. Macht das Dauertestgabelchen ein „Husterchen“, steht sofort der RockShox, Marzocchi, Fox, Magura Servicetechniker auf der Matte. Und der Herr Redakteur kann rasch wieder weiterfahren.

Max Mustermann aus Hinterhornbach darf im Gegenzug dazu in der Hauptsaison 2-3 Wochen (Minimum) auf sein superkomplexes € 1000 Hightech Teil warten. Aber ist ja wurscht - Hauptsache „Vario“.

Wir fahren daweil mit unseren nicht absenkbaren Gabeln einfach weiter :)

Herzliche Grüsse
Christoph Malin
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* PS: ich bin gespannt, wann - ausser Bionicon - auch noch andere Hersteller entdecken, dass ein Bike, das ein Gefälle runterfährt, eine andere Radlastverteilung hat als bergauf. Deshalb fahre ich bergab grundsätzlich einen anderen Druck im Dämpfer als bergauf. Bei zB 70:30% in steilem Gefälle (auch 80:20% durchaus möglich) können Dämpfer noch mit viel mehr Sag gefahren werden. Das Ergebnis: Hinterbauten die wirklich „schlucken“. Traktion Ende nie.