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Das Land des Blauen Himmels - Freeride Abenteuer Bolivien
Text & Fotos: Axel Kreuter
„Zwischen Himmel und Abgrund“ war der Titel eines Berichts im Bike Magazin vom November 2004. Vom Bike Paradies in XXL und 4000m Downhills auf Inkapfaden war die Rede. Auf den Photos sah man im Hintergrund die wilde Bergwelt der Anden. Das war der Anfang vom Traum, ein Besuch des Mountainbike-Pioniers Boliviens Alistair Matthew der Plan.
Mountainbiking in Bolivien hat nämlich einen Namen: „Gravity Assisted Mountainbiking“. Alistair Matthew, gebürtiger Neuseeländer hat vor sieben Jahren das Bike Potential in den Anden vorausgesehen. Seine Geschäftsidee war, die enge ausgesetzte Pass-Straße von La Paz nach Coroico in die urwald-artigen Yungas 3500 Höhenmeter tiefer als geführte Mountainbike Tour anzubieten. Die sogenannte „gefährlichste Straße der Welt“ schlängelt sich spektakulär über 40 Kilometer an einem steilen Bergrücken entlang und gewährt abenteuerliche Aussichten, die ihresgleichen in der Welt sucht.
Der riesige Höhenunterschied bedeutet wechselnde Vegetationszonen von hoch-andinen Schotterreisen auf 4700m, wo höchstens ein paar Moose und Flechten überleben können, in die feucht heißen Täler der Yungas, wo alles von Avocado bis Coca gedeiht. In wenigen Stunden auf dem Fahrrad streift man sich Winterjacke und drei Lagen Pullover ab, schwitzt im T-Shirt und hat fast doppelt so viel Sauerstoff zum atmen.
Die Idee war erfolgreich. Nach sieben Jahren ist Gravity heute eines kleines Bike Imperium mit etwa 80 Kona Bikes (alles vom Dirtjumper bis zum Downhiller, wobei das Arbeitstier das Touren-Hardtail Hoss Dee-lux ist), zwei Busse, zwei Jeeps, 4 Guides, 30 Kunden pro Tag in der Hochsaison, 6 Tage die Woche. Gravity´s Image ist poliert als stünde eine komplette PR-Mannschaft dahinter. „Sicherheit und Spaß“ ist das Motto, dazu ein eigenes Downhill Race-Team, das in allen nationalen Rennen die ersten Plätze unter sich ausmacht. Außerdem gibt es Gravity Merchandise von Trikots bis Flaschenöffner, im August soll das Gravity Hostel eröffnet werden, Pläne für Gravity Mexico gibt es auch schon, alles gemäß Alistairs (Spaß?) Motto: World Domination.
Offizieller Importeur für Kona und Santa Cruz für Bolivien (inoffiziell ganz Südamerika) ist er, außerdem hat Alistair exzellente Beziehungen zu Firmen wie Marzocchi, Hayes und Truvativ, sowie 661 und Dragon aufgebaut. Die Besuche der Interbike in Las Vegas haben sich gelohnt. In Las Vegas haben sie übrigens auch geheiratet Alistair und Karin, um danach die Flitterwochen bei der Red Bull Rampage zu verbringen.
Viele der Stars der Szene, wie Cedric Garcia kennt er von kurzen Begegnungen. Wichtiger vielleicht noch ist der Kontakt zu Leuten wie Derek Westerlund, dem Produzenten von New World Disorder. Das ist auch der Grund, warum Alistair es geschafft hat das NWD Team nach La Paz zum Filmen zu holen, eben mit Fahrern wie Cedric und Dave Watson. Wahrscheinlich der größte Erfolg, der einem passieren kann in der Mission, Bolivien als neues Downhill und Freeride El Dorado zu verkaufen.
Der vielleicht wichtigste Schlüssel zum Erfolg - neben der professionellen Geschäftsführung - ist der Eintrag im Lonely Planet, dem Reiseführer dem die meisten der (Rucksack) Touristen fast religiös ergeben sind. Die Bike Tour gehört demnach fast zum obligatorischen Programm für den abenteuerlustigen Reisenden in La Paz. Mittlerweile ist die Konkurrenz auf über 20 Anbieter derselben Tour angewachsen, wobei die wenigsten allerdings so professionell operieren wie Gravity. Ein Unterschied ist zum Beispiel der Service von englischsprachigen „Gringo guides“ aus den USA, Europa oder Neuseeland, die nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell besser mit den Kunden kommunizieren sollen. Etwa die ganzen Horrorgeschichten über abgestürzte Busse erzählen, die die Kunden dann abends in der Bar stolz wiedergeben können.
Bike Guide in den Anden: Für Abwechslung ist gesorgt
Der Job als Gringo Guide bei Gravity ist zwar hart, aber vielseitig und interessant. Der typische Arbeitstag beginnt um sechs in der früh mit dem Zusammensuchen von Helmen, Handschuhen für die Kunden.
6 mal small, 8 mal medium etc. dann wird alles Material für den Tag in den Bus geladen, Sicherheitswesten, Werkzeugkiste, Ersatzteile, Erste Hilfe Kasten, Rettungsseilsack, Schokoriegel, Bananen, Sandwiches, Wasserflaschen, die „i have done it“ T-shirts, die Tasche mit allen wichtigen Dokumenten, Digitalkamera mit Ersatzbatterien, Funkgeräten, Mobiltelefon. Die Merkliste ist jedes Mal hilfreich in der früh…
Dann geht’s in die Werkstatt, wo die Bikes rausgesucht und aufgeladen werden müssen. Zum Trödeln ist nicht viel Zeit, um halb acht ist Treffpunkt in der Stadt, um die Kunden einzusammeln, Guten Morgen zu wünschen, Namen aufrufen, abhaken, losfahren, etwa 45 Minuten auf den Pass, von wo es auf den Bikes los geht.
Aber nicht bevor alle ausgerüstet mit Helm und Handschuhen auf ihrem Kona sitzen und erstmal eine „Sicherheitsrede“ kriegen.
Viele sitzen zum ersten Mal auf einem Mountainbike, noch dazu mit hydraulischen Scheibenbremsen. Also muss man genaustens erklären, wie man bremst, lenkt, wie gefährlich die Strasse sein kann, eindringlich warnen, ohne ihnen den Spaß zu verderben. Während des Tages geht es darum, den immer freundlichen, vertrauenswürdigen Führer zu spielen, Schokoladen austeilen, an bestimmten Stellen bestimmte Geschichten erzählen und Photos machen, abgesprungene Ketten wieder auflegen oder kleinere Schäden an den Bikes zu richten.
Bei gröberen kommt das Ersatzbike vom Begleitbus zum Einsatz. Stürze mit Abschürfungen und Prellungen sind nicht selten, jede Tour ohne größere Verletzung ein Erfolg. Am Ende wird jedem gratuliert und feierlich ein T-Shirt übergeben.
Dann werden die Räder wieder auf den Bus geladen und man fährt zum Hotel zu Dusche und Buffet. Die Dusche ist selbst für den dreckgewohntesten Südamerika-Tramper nicht wegzudenken. Die Piste ist entweder matschig oder staubig, meist beides nacheinander, in jedem Fall kommt einem der Dreck buchstäblich aus den Ohren raus.
Am Ende steht noch die vierstündige Fahrt zurück nach La Paz bevor, für die man aber vorher im Dorf genug Bier aufladen kann, um auf der Rüttelpiste zu entspannen. Wenn man dann um neun oder zehn in der Nacht zurück in der Stadt ist, geht die Prozedur vom Morgen in umgekehrter Reihenfolge los. Kunden abliefern, die Bikes, Helme einräumen und schließlich die CD mit den etwa 100 Photos erstellen und brennen, damit sie für die Kunden am nächsten Morgen im Büro zur Abholung bereit stehen. Also wenn man es vor Mitternacht ins Bett schafft, kann man zufrieden sein. Viel ist Routine, aber trotzdem stellt sich so etwas wie Routine eigentlich nicht ein, zu unterschiedlich sind jedes Mal die Leute und Probleme oder das Wetter. Jeder Tag bietet andere einzigartige Erlebnisse.
Freeriden auf 5000 m Höhe
Aber zurück zum „echten“ Mountainbiken. Was bietet Bolivien nun wirklich der Freeride Welt? In der Umgebung von La Paz gibt es etwa 5 verschiedene „Bikegebiete“, mit Namen wie Aymas, Collana oder Pura Pura.
Zu Anfang muss aber erwähnt werden, dass sich das biken nicht so einfach wie in Innsbruck gestaltet, wenn man in La Paz wohnt. Aufgrund der Distanzen und der vielen Höhenmeter in der Höhenluft ist man fast immer auf einen Jeep angewiesen, wenn man das Potential der Trails ganz auskosten will, Seilbahnen gibt es selbstverständlich keine.
Wer schafft schon 1500 Höhenmeter beginnend bei 3400 Meter über Meeresspiegel mit einem 20 kg Downhiller? Und auf den Trails wünscht man sich schon eher ein robustes Bike mit viel Federweg und dicken Reifen.
Die Singletracks sind technisch eher einfach, dafür aber oft mit groben, losen Gerölluntergrund versehen und mit floatigen Sprüngen und trotz Steilpassagen schnell zu fahren. Richtig schwere Spitzkehren muss man jedoch lange suchen. Wie auch in Innsbruck bestimmt die Topographie den Style, und der ist auf Schnelligkeit und Fahrfluss ausgelegt, nicht aufs trial mäßige fahren im Vertrider-style. Die Landschaft gibt eben den Trail vor.
Sind es in den Alpen die steilen Bergflanken und Wanderwege, die das Vertriding hervorgebracht haben, so sind es in La Paz die kargen Bergrücken mit den Eselspfaden, die den Stil vorgeben. Eine Wanderkultur wie in den Alpen gibt es hier nicht.
In Bolivien sind die Wege zweckmässige Verbindungen zwischen den Bergdörfern, die oft mit Eseln begangen werden. Diese Pfade können mitunter sehr schmal und extrem ausgesetzt sein, erreichen aber nie die Steilheit und Verblocktheit zB der Innsbrucker Wanderwege. Es gibt zum Beispiel keine richtigen Bäume, daher keine Wurzeln.
Regen ist auf die Regenzeit von Dezember bis März beschränkt. Sonst ist die Landschaft wüstenartig trocken, steinig und staubig, die Vegetation besteht typischerweise aus Gestrüpp und Kakteen, hängt stark von der Höhenlage ab. Das raue Klima hat mancherorts ausgewaschene skurrile Lehmformationen entstehen lassen.
Man hat also in und um La Paz locker genug Spielplätze für 2 Wochen vielseitigen Downhill Spaß.
Etwa einmal im Monat wird ein mehr oder weniger amateur mässiges Rennen veranstaltet, von dem leider oft erst ein paar Tage vorher feststeht, wo genau und ob es überhaupt stattfindet. Dann aber, wenn sich die Szene von etwa 20 Fahrern zusammenfindet ist voller Spaßfaktor angesagt mit positivem sportlichem Ehrgeiz. Die Freude am gemeinsamen Downhill überwiegt immer und Neue werden sofort willkommen geheißen, egal mit welchem Können oder Bike, die Begeisterung ist was zählt, zumindest solange das Gravity-Team immer vorn dabei ist… Daß die Szene in La Paz allerdings am größten ist, hat weniger mit der Qualität der Trails zu tun als mit der Nähe der Millionen Stadt und der damit verbundenen Infrastruktur.
Das Paradies im Paradies
Als wären die La Paz Trails noch nicht genug findet man die wirklich gewaltigen, großartigen Trails vier Busstunden weiter nördlich, in der heimlichen Trekking und Bergsteiger Hauptstadt Boliviens: in Sorata. Das 2000 Einwohner Dorf liegt atemberaubend gelegen auf 2700m am Fuße des gigantischen, eisbedeckten Illampu (6400m), der letzte große Berg des Cordillera Real Massivs. Allein schon Bilder von Sorata lassen erahnen, dass sich hier vielleicht das echte Freeride Paradies Boliviens versteckt.
Hier hat Travis, der Freeride Fanat und Ex-Gravity Guide aus Durango, Colorado seine zweite Heimat gefunden. Cooperativa Ciclismo Andino ist der interessante Name seiner Firma, hinter der sich zwar kein Bike-Imperium verbirgt, dafür aber der Zugang zu den epischsten und längsten Downhills der Welt.
Travis ist vielem das genaue Gegenstück zu Alistair. Direkt in die zweite Generation des Mountainbikens hineingeboren ist er schon seit der frühen Jugend die Trails von Colorado, Utah und Californien mit seinem Vater gefahren. Im Sommer arbeitete er in Bikeshops und im Winter in den Skigebieten in den Rockies, bis er als Guide nach Bolivien kam. Nach nicht mal einer Saison verließ er Gravity um in Sorata sein eigener Chef zu sein.
Die Firma war aber eigentlich immer zweitrangig. Zuviel Zeit nimmt das Biken und die Erkundung neuer Trails in der abgeschiedenen Bergwelt in Anspruch. Eben Leben fürs Biken nicht fürs Bike-Geschäft. Das Leben in Sorata ist zwar extrem billig, doch die Instandhaltung und Anschaffung neuer Santa Cuz Bullits kann man kaum mit bolivianischem Gehalt bestreiten. Darum muss Travis im Sommer in der Regenzeit für zwei, drei Monate zu Hause in Colorado in den Skigebieten die Dollars verdienen.
Mit echtem Freeride Leben lässt sich eben kein Geld verdienen, was in der Natur der Sache liegt, business destroys the spirit.
Die kommerzielle Tour von Ciclismo Andino ist aber nicht weniger interessant, aber mehr vom touristischen als vom Freeride Gesichtspunkt: in 6 Tagen mit Bike und Einbaum von Sorata ins Amazonas Tiefland nach Rurrenabaque.
Die ersten zwei Tage rollt man vom Passo Chu Chu von 4700m über Schotterpisten nach Mapiri auf 1100m. Die Bikes werden ins Boot geladen, mit dem es dann den Fluss hinunter in den tropischen Regenwald geht. Das ist vor allem ein Ausflug ins Tierreichtum, Kaimane, Riesenschlangen, Papageien und Mosquitos sind fast garantiert.
Der Passo Chu Chu ist allerdings auch Startpunkt der Downhill Rennstrecke zurück nach Sorata. Die ersten paar hundert Höhenmeter werden auf extrem steilen aber feinsten Schotterreisen vernichtet. Diese Schotterreisen allein wären die Reise wert. Von der Optik her anfangs gewöhnungsbedürftig weil so steil und lang ohne Notausgang, merkt man sofort, dass man die Geschwindigkeit gut kontrollieren kann, mit etwas Übung kann man sogar wie Travis den Schotter in Schwüngen abfahren wie mit dem Snowboard im Powder. Dann kommen einem fast die Tränen vor Freude. Es folgen 1500 Höhenmeter flowiger Singletrail gespickt mit Jumps und Anliegern, teils über Wiesen, teils Geröllpfade, immer einen Riesenausblick auf den Illampu und die rauen Täler um Sorata. Jedes Jahr findet hier der Avalanche race mit Massenstart statt. Die Siegerzeit von etwa 40 Minuten lässt die Dimension des Downhills erahnen.
Die absolute Auskostung aller Freeride-Gefühle ist eine Mehrtagestour von Sorata nach Charazani, eine Überquerung der niedrigeren aber immer noch knapp 5000m hohen Bergketten zwischen der mächtigen Cordillera Real und der Apolobamba-Kette.
Die ersten beiden Tage starten jeweils mit feinster Schotterreisenabfahrt. Dann geht es über hochandine Wiesen, auf denen Lamas oder Alpacas weiden, zwischendurch bieten sich steile, bis zu 200m Felsplatten als Variante an. Manchmal hat man wieder einige Kilometer auf ebener Schotterstrasse leicht in die Pedale zu treten. Von dem Bergrücken auf knapp 4000m führt durchgehend ein nicht endenwollender Singletrail ins Flussbett in einem trockenen und heißen Tal auf nurmehr 1100m. Über zwei Stunden kann man sich den Kurven und kleinen Felsstufen zwischen Büschen und Kakteen in unglaublichem Flow hingeben.
Am Ende schaut man vollgeflasht, verschwitzt und über das ganze Gesicht grinsend ungläubig auf den riesigen Bergrücken zurück, den man die letzten Stunden herunter geflossen ist.
Der Jeep wartet schon im Flussbett und der Fahrer muss glauben, man hat auf dem Weg einen psychoaktiven Kaktus gefunden.
So schaukelt man wieder die andere Bergseite rauf nach Aucopata, einem verlassen Dorf von vielleicht noch 80 Menschen. In diese Gegend ist der Tourismus noch nicht vorgedrungen, die Bauern bewirtschaften die Felder noch wie vor zweihundert Jahren mit Esel und Holzpflug, die Ähren werden von Hand geschlagen, sortiert und getrocknet.
Etwas scheu, aber durchaus freundlich blicken sie Leute auf Motorrad ähnlichen Fahrrädern an wie Außerirdische, wobei der Vergleich nicht völlig abwegig ist. In Aucopata existiert erstaunlicherweise noch eine kleine, einfache Herberge zum Übernachten.
Geschäft oder Markt oder gar Restaurant gibt es nicht, aber man kann die Küche der Herberge zum Kochen benutzen. Am nächsten Tag geht der Traum weiter, wieder fährt der Jeep auf knapp 5000m, die Bikes werden noch eine halbe Stunde hoch geschoben, die Aussicht nimmt einem den eh schon knappen Atem.
Der Altiplano mit Titikakasee, eisgepanzerte 6000er, das wolkenbedeckte tropische Tiefland, alles in 360 Grad. Die feuchten Augen und Herzlachen beim Fahren werden fast schon Routine. Es hört einfach nicht auf. Und wieder geht es am Ende des Tages mit dem Jeep hinauf nach Charazani, wo man in natürlichen, warmen Quellen unter hellem Sternenhimmel weiter träumen kann. Der folgende Tag bietet dann einen entspannenden und wie immer flowigen Trail zurück nach Aucopata. Man erreicht das Dorf schon recht früh am Nachmittag, sodass noch Zeit bleibt, die alten Mollo Ruinen von Iskanwaya zu besuchen. Die Mollos waren ein Volk, das vor etwa 1500 Jahren dort gelebt hat und Inka-ähnliche Ruinen hinterlassen hat, die aber relativ unbekannt sind.
Der letzte Tag hat noch einen Trail der besonderen Sorte auf Lager. Auf nicht zu steilem, holprigen Weg quert man zunächst einige Bergrücken und gelangt zu einem alten Aquädukt der Mollos, über das man auf einen vorgelagerten Berg fährt, den Mama Choro, „böse Mutter“.
Nach einer viertel Stunde tragen und schieben blickt man nun an der höchsten Stelle in eine steile, wilde Schlucht. Über dieser Schlucht geht es anfangs gefährlich ausgesetzt um den Berg auf den Rücken der Mama Choro, wo sich der Trail etwa 1000 Höhenmeter auf anspruchsvollem verblocktem, und kehrigen Weg in ein Flussbett ergießt. Komplett trailstoned unten angekommen, steht einem noch ein letztes Abenteuer bevor, die Flussüberquerung. Selbst bei niedrigstem Wasserstand sind die etwa 50 Meter schnellfließendes, dunkeltrübes Gewässer mit grobsteinigem Grund ein Kraft -und Balance-Akt. Die Strömung sieht eigentlich fast harmloser aus als sie ist, bis zur Hüfte im Wasser will man das Gleichgewicht nicht verlieren, auf keinen Fall das Bike im Fluss versenken. Etwas weiter flussabwärts in einem Dorf wartet der Jeep, auf den zum letzten Mal aufgeladen wird.
Auf der sechsstündigen Rückfahrt nach Sorata wird einem noch einmal bewusst, wie abgeschieden die Region im Norden Boliviens ist. Hier kann man sicher auch eine Woche mit Rucksack und Zelt trekken ohne durch ein Dorf zu kommen. Ohne lokalen Führer ist es wahrscheinlich nicht zu empfehlen, zumal es einfach keine anständigen Karten gibt.
Egal mit welchem Fortbewegungsmittel ist diese Region Outdoor-Abenteuer pur. Eine Reise zurück zur Natur, die so harte Lebensbedingungen stellt, dass sie das Leben der Menschen über Jahrhunderte preserviert hat, so abgeschieden, dass unserer modernes Leben keinen Einzug hält. Mountainbiken in Bolivien ist in vielen Hinsichten ein Abenteuer der ganz besonderen Art und wahrlich ein Bikeparadies in XXL.
Infos
Anreise: Flug über München-London-Miami-La Paz oder Madrid-Santiago/Buenos Aires/Sao Paolo-Santa Cruz-La Paz, etwa 35 Stunden und 1000 Euro muss man rechnen. Über Miami besser geeignet mit Rädern, 2x23 kg Gepäck, 50 Euro extra pro Radkarton.
Beste Reisezeit: von März bis November
In La Paz: Gravity Assisted Mountain Biking Bolivia: www.gravitybolivia.com, keine Leihbikes ohne geführte Tour. Täglich (außer Montags) Standardtour nach Coroico, sonst auch individuelle ein-oder mehrtages Touren möglich. Je nach Dollarkurs kann es sich lohnen ein Kona dort zu kaufen, z.B. Stinky Dee-lux: 2900 Dollar statt 3200 Euro, rechzeitig bestellen. Problem ist immer die offizielle Einfuhr aus den USA, am besten nach Miami schicken lassen und selbst mitnehmen. Man kann auch etwas verdienen, wenn man für Alistair ein Rad von Miami mit importiert.
In Sorata: Cooperativa Ciclismo Andino: www.ciclismoandino.com. Entweder 6-Tagestour mit Bike und Boot nach Rurrenabaque oder individuelle Freeride Tour.
Über den Autor:
VertRider Axel Kreuter, 29, ist Dr. der Physik und zählte 2005 zu den Stammgästen am Manitou Nordpark Singletrail.
© Vertriders.com 2006